Montag, 2. Juli 2012
Chap. 1: A totally normal morning
Sein Rachen war ausgetrocknet, als er aufstand, im Mund hatte er einen faden Geschmack und seine Augen waren so sehr verklebt, dass er Mühe hatte, sie auch nur leicht zu öffnen.

Gott, wie er solche Tage hasste! Ein Start in den Morgen konnte doch nur grausam sein, wenn man sich erst einmal die Augenlieder mit Gewalt auseinander reißen musste. Allerdings war es ja auch seine eigene Schuld gewesen; er hätte das gestrige Besäufnis mit Yosaku & Jonny lieber nicht veranstalten sollen.

Mühsam richtete er sich auf, rieb sich erneut die Augen und stellte seine Füße auf den Fußboden. Mit einem Schwung stand er auf und tapste rüber zum Bad, indem er als erstes die unheimliche Kälte der Fließen registrierte. Mühsam stützte er sich auf dem Waschbecken ab und starrte in den Spiegel. Seine Haare standen in alle Himmelsrichtungen ab und er hatte auch dringend wieder eine Rasur nötig. Also stieg er als aller erstes unter die Dusche.

Das Wasser kam mit einem Fauchen aus der Düse, sein Körper überlief es von Schauern, alle nacheinander, immer stärker werdend. Er drehte das Wasser noch mehr auf, erhöhte die Temperatur, bis sich schon nach wenigen Sekunden Dampfschwaden bildeten und hielt den Kopf unter den Strahl.

Nach der Dusche trocknete er sich gründlich ab und wickelte sich das Handtuch um die Hüfte. Er zückte einen Einwegrasierer und platzierte sich vor dem Spiegel, als ihm seine gerötete Haut wieder auffiel. Auch seine Beine waren rot, obwohl er nur wenige Minuten unter der Dusche gestanden hatte. Sie brannten noch, wenn man sie leicht berührte; erinnerten leicht an einen tomatensüchtigen Krebs. Er verzog das Gesicht bei dem Gedanken und fing an, sich zu rasieren.

Die Klinge fuhr leicht über seine Haut, entfernte die schon etwas länger gewordenen Haarstängel, hinterließ eine raue, wettergegerbte Haut. Als er fertig war, wusch er den Rasierer aus und verstaute die Klinge sorgsam in der oberen Ablage seines etwas schäbigen, aber doch noch funktionierenden Badeschranks.

Seufzend öffnete er ein Badezimmerfenster, sah dabei die Rauchschwaden in der Luft verschwinden und verabschiedete sich von der angenehm feuchten Wärme. Schnell kleidete er sich an, wie immer ein weißes Hemd und eine schwarze, eng anliegenden Jeans. Danach schaute er aus dem Fenster. Es regnete. Vielleicht sollte er doch lieber etwas Dickeres anziehen.

In der Küche erwartete ihn immer noch ein heilloses Durcheinander. Die letzten Tage hatte er nie Zeit, nein, keine Lust gehabt, das Chaos zu beseitigen. Also erwartete ihn jetzt ein Schweinestall, bestehend aus ungewaschenen Tellern, unzähligem benutzten Küchenpapier und einer Reihe verschmutzte Gläser, an denen jetzt schon ein Rand ansetzte.

In all dem Dreck entdeckte er noch eine halbe Pizza, kalt, die ihm seine Kumpel wohl noch dagelassen hatten. Gleichgültig schaute er das Stück gebackenes Brot mit Belag an und griff schließlich zu.

Die Pizza schmeckte alt, erinnerte ihn an abgegangene Fußsohlen, aber das störte ihn nicht. Gewöhnt war er schließlich schon vieles, ein richtiges Mittagessen hatte er schon lange nicht mehr gegessen.

Nach dem Zähneputzen spülte er sich den Mund gründlich aus, betrachtete die großen, weißen Zähne und fuhr sich dann noch mal durch die Haare. Mehr fummelte er nicht an seinem Äußeren rum.

Die Wohnungstür schlug hinter ihm mit einem Knall zu, irgendein bescheuerter Typ hatte wieder ein Fenster im Treppenhaus geöffnet, in der Hoffnung, den immer währenden Gestank zu verscheuchen. Wahrscheinlich ein neuer Mieter oder die Schrulle aus seinem Stock, die immer so sehr auf Sauberkeit & Höflichkeit achtete. Dabei wusste sie doch, dass all das Lüften nichts brachte.

Die wenigen Treppen stürmte er ihm Eilschritt herunter, zog sich nebenher eine Stoffjacke über, stoß die Haustür auf und trat ins Freie. Ein Luftzug schnitt unter seine Klamotten, ließ ihn frösteln. Für Spätfrühling war es noch recht kalt. Er schloss den Reißverschluss seiner Jacke und betrachtete den Himmel. Dunkle Wolken ballten sich zusammen, obwohl die Sonne noch kräftig schien. Ob ein Gewitter aufziehen würde? Nicht weiter daran denkend, machte er sich auf den Weg.

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Er fröstelte. Seine Brust schmerzte, sein Atem ging nur stoßweise. Langsam setzte er einen Fuß vor den anderen. Sein Blick verschwamm leicht, die Straße war nur noch aus ungleichen Schemen bestehend. Er hielt sich mit dem Arm das schmerzverzerrte Gesicht, versuchte den Schmerz zu unterdrücken.

Schließlich musste es sich an der Wand abstützen, eine kurze Pause machen. Er rutsche ab, landete auf seinen Bauch und verzog das Gesicht bei dem Aufprall. Naja, dann würde er seine Pause eben ihm liegen verbringen und nachher weitergehen. Falls die Pause jemals enden würde.

Jeder Atemzug war eine Qual. Seine Gedanken konzentrierten sich nur auf seine Körperfunktionen, zu beschäftigt, um überhaupt noch zu denken. Er musste seinem Herzen schon fast sagen, dass es weiterschlagen solle. Und doch blieb noch Platz für einen Gedanken, für ein Wort: Angst. Ja, das war alles, was ihm geblieben war, alles, was er noch besaß.

Stöhnend drehte er sich auf den Rücken. Mit seinem Arm strich er über den dreckigen Boden, berührte dabei ein pappiges Gebilde. Mit letzter Kraft zog er es sich über den Körper, verdeckte seine Wunden und schloss die Augen.

Gerettet werden wollte er schon gar nicht mehr werden. Eigentlich hatte er ja nicht vor, so zu sterben, aber eine Wahl hatte er nicht mehr. Er hatte jede seiner Reserven aufgebraucht, war nicht mehr imstande, auch nur einen Finger zu rühren. Und das er voller Angst sterben würde, war wohl sein Schicksal. Nicht vor dem Tod, sondern vor dem Leben.

Langsam schwand das Leben aus dem kleinen, gebrechlichen Körper und zerfiel in tausende kleine Scherben.

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