Dienstag, 3. Juli 2012
Chap. 2: Never ending rain
Es regnete. Ja, tatsächlich, es regnete, und er hatte natürlich keine Jacke oder etwas Ähnliches dabei. Na super. Mal wieder einer dieser Tage, an denen alles schief lief. Zuerst das etwas karge und nicht gerade schmackhafte Frühstück, dann viel zu viele, langweilige Stunden in der Uni und als letztes, wie ein Sahnehäubchen auf einer Torte, würde er sich auch noch eine Erkältung holen. Fröstelnd stand Zorro unter dem Vordach der Uni und starrte mit hasserfüllten Blicken in den Himmel.

„Hey, Bro, was geht?“, rief in jemand von hinten, der offensichtlich bessere Laune hatte. Jonny & Yosaku, das berühmte Duo, stolzierten in seine Richtung. „Ah, ihr seid es“, war alles, was der Grünhaarige raus bekam, bevor er sich wieder seinem Blickduell mit den Wolken widmete. „Scheinst heute nicht so gut drauf zu sein“, bemerkte Jonny. Eine Antwort bekam er fürs erste nicht.

„Hast du etwa keine dickere Jacke oder einen Regenschirm dabei?“, bohrte Yosaku, der sich ewig blöd anstellende Yosaku, nach. „Ah weißt du, Yosaku, ich warte hier nur noch auf meine Erleuchtung, die wohl darin bestehen wird, dass ich aufgrund deines unglaublich bescheuerten Gelabers, mich morgen erdrosseln werde, damit ich kein Wort mehr aus deinem Mund hören muss“, erwiderte er mit einem Hauch Sarkasmus in der Stimme. „Natürlich hab ich sie nicht dabei! Sonst wär ich doch schon längst weg!“

„Kann ich doch nicht wissen … du musst auch nicht immer so gemein zu mir sein. Ich kann doch nichts dafür, dass du hier alleine rumstehst und dir den Arsch abfrierst!“

„Jaja, ich hab‘s verstanden. Willst du zur Abwechslung nicht mal einen sinnvollen Satz von dir geben? Wenigstens ein Wort? Eine Silbe?“

„Hey, Zorro, nun sei doch nicht so. Wir haben ja verstanden, dass du schlecht drauf bist, da musst du doch nicht gleich so übertreiben!“, ermahnte Johnny den grünhaarigen Miesepeter. Der erwiderte darauf jedoch nichts.

„ … Wir können dich ja ein Stück mitnehmen“, schlug Yosaku vor, der sich jetzt wohl das Ziel gesetzt hatte, Zorro zu beruhigen und aufzuheitern. Einladend schaute er ihn an und bekam nach einem leichten Grummeln ein Nicken zu sehen.

Als Zorro ausstieg, nieselte es nur noch, obwohl sie gerade mal knappe 2 Minuten gefahren waren. Über der Uni hing immer noch ein schwarzer Wolkenvorhang, aber hier tröpfelte es nur leicht. Die dicke Wolkenwand kam jedoch bedrohlich näher. „Ich lauf den Rest“, gab er noch von sich, bevor er die Tür zuknallte und sich mit großen Schritten von dem Auto entfernte.

Obwohl es gerade mal 5 Uhr war, hatte sich die Sonne schon fast gänzlich auf die andere Seite der Welt verkrochen. Man erkannte zwar noch die Silhouetten von ein paar Menschen hier und da, aber nur auf Grund der grellen, hellen Straßenlampen, die überall herumstanden und die Nacht gespenstisch erleuchtete. Es liefen nur noch wenige Leute auf der Straße geumr. Im Großen und Ganzen wirkte die Atmosphäre also sehr dunkel und kalt.

Zorro machte das nichts aus. Er war mit der Dunkelheit aufgewachsen, wie auch mit dem Licht – beide Seiten hatten ihre guten und schlechten Punkte. Einfach gesagt: er hatte noch nie Angst vor der Dunkelheit gehabt. Oder vor irgendetwas anderem.

Je weiter er lief, desto weniger Leben spürte er auf den Straßen. Die großen Anzeigetafeln, das Geräusch von Motoren, die brennenden Lichter in Häusern – all das wurde zunehmend weniger und weniger. Die Ordnung verschwand langsam und machte der Unreinheit und dem Chaos Platz. Kein Wunder, schließlich lebte er ja auch eher in einem Armenviertel der Stadt.

Aus reiner Langeweile schaute er sich die schäbigen und heruntergekommen Gasen und Häuser an. Die meisten kannte er schon auswendig. Ein großes Graffiti zierte eines der ersten Baracken, in rot und grün gehalten. Eine kaputte Anzeigetafel, zu Lebenszeiten schreiend rosa, lag vor dem Hauseingang. Das Haus hatte ein riesiges Loch im Dach. Da lebten sicher nur Obdachlose und Penner.

Plötzlich sah er etwas in einer Nebengasse aufblitzen. Interessiert starrte er in die Dunkelheit.
Am Boden konnte er ein paar Kisten ausmachen, die vor einem Gittereingang aufgestapelt waren. Am Boden lag ein zerfledderter Karton. Und darunter …

‚Unterhalb des Kartons schaut ein Fuß hervor‘,
Dachte Zorro.
‚Ein Fuß …‘
‚Ein Fuß!‘

Endlich wurde er sich seiner eigenen Gedanken bewusst. Ein Fuß unter einem Karton, das sah man wirklich nicht alle Tage. War es eine Leiche? Oder ein Penner? Oder wirklich nur ein abgetrennter Fuß? Er wollte es wissen. Unbedingt. Auch wenn er das Gefühl hatte, im Begriff war, etwas unvorstellbares Gefährliches zu tun, ging er dennoch weiter auf den Karton und den Fuß zu. Langsam beugte er sich herab, hieb den Karton vorsichtig an und blickte in die Finsternis.

Schemenhaft erkannte er eine Gestalt, aber konnte nicht wirklich sagen was es war. Also fasste er sich ein Herz und riss die Kartonage weg. Und da lag …
Eine Leiche!

Erschreckt zuckte er zusammen. Das hatte er jetzt nicht erwartet, hier tatsächlich eine Leiche zu finden. Sowas passierte schließlich nicht jeden Tag. Sie hatte an der Seite eine schlimme Wunde, aus der immer noch Blut austrat. Fast der ganze Bauch war voll mit dem Zeug.

Interessiert betrachtete er das Gesicht des Körpers. Ein Junge von höchstens 18, 19 Jahren, klein für sein Alter. Schwarze Haare, kleine Nase, eine Narbe unter dem Auge. Ein gutaussehender Jugendlicher, der gerade mal seine Volljährigkeit erreicht hatte.

Zögerlich stupste er die Leiche an. Sie war noch warm. Wahrscheinlich erst gerade eben da hingeworfen worden. Und noch nicht lange tot. Ob die Yakuza was damit zu tun hatte?

… Sie war noch warm?
Zorro stupste den Körper abermals an. Und fühlte Wärme.
Mit einem Ruck setzte er sich neben die „Leiche“ und fühlte mit der Hand den Puls am Hals. Ja, da er noch, ganz schwach … der Puls! Die Leiche lebte!

Er musste etwas tun! Sofort! Jetzt! Blitzschnell zog er sein Handy aus der Tasche, wählte die Nummer vom Notruf. „Ja, hallo … ich habe einen Schwerverletzten gefunden, er scheint kurz vor dem Tot zu sein … Äh, keine Ahnung, einfach die vierte Nebengasse in East-Harlem … Was heißt das, sie wollen da nicht hin? Hier geht’s um Menschenleben! Bewegen sie gefälligst ihren Arsch hierher! … Okay, dann bis gleich“, und er legte mit einem Kopfschütteln auf. Manche Leute waren wirklich nicht mehr klar im Hirn.

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